Angst kann uns plötzlich ausbremsen – vor Prüfungen, Ablehnung, bestimmten Situationen oder scheinbar ganz ohne Grund. »Angst überwinden« bedeutet nicht, nie wieder Angst zu haben. Es geht vielmehr darum, sie besser zu verstehen, ruhiger mit ihr umzugehen und trotz Angst handlungsfähig zu bleiben. In diesem Beitrag zeige ich dir fünf Tipps, die dich dabei unterstützen können.
Was ist Angst und wozu ist sie da?
Angst gehört zu den Grundemotionen: genauso wie Wut, Trauer oder Ekel. Sie dient in erster Linie dazu, uns vor möglichen Gefahren zu warnen. Aus evolutionärer Sicht ist Angst also wichtig und sogar überlebensnotwendig.
Das Problem: Manchmal reagiert unser Körper auch in Situationen mit Angst, die objektiv betrachtet keine akute Gefahr darstellen.
Beispiele für Angstsituationen
- Vielleicht möchtest du einen Kuchen für deine Familie backen, aber die Angst vor Kritik hält dich zurück. Was, wenn ihn jemand nicht mag? Was, wenn ein Kommentar kommt, der dich verletzt? Aus Angst vor Enttäuschung entscheidest du dich am Ende vielleicht, lieber gar nicht zu backen.
- Ein anderes Beispiel ist Prüfungsangst. Anstatt dich konzentriert vorzubereiten, kreisen deine Gedanken immer wieder um die Angst zu versagen. Du malst dir aus, wie enttäuscht andere sein könnten – und verlierst dadurch viel Energie an innere Katastrophenszenarien.
- Oder stell dir vor, du stehst auf einem hohen Gebäude ohne Geländer und blickst in die Tiefe. Plötzlich kommt Angst auf. In diesem Fall ist die Reaktion sinnvoll: Dein Körper möchte dich schützen und verhindern, dass du dich in Gefahr bringst.
Angst kann also je nach Situation hilfreich oder belastend sein. Entscheidend ist, ob sie dich schützt oder ob sie dich immer wieder einschränkt.
Damit wir auf mögliche Gefahren reagieren können, aktiviert unser Nervensystem automatische Schutzreaktionen:
- flüchten
- kämpfen
- erstarren
Auch bekannt als »fight, flight or freeze«. Diese Reaktionen laufen unbewusst und sehr schnell ab. Unser Körper bewertet innerhalb kürzester Zeit, welche Strategie in der Situation sinnvoll erscheint, auch wenn die Angst im Nachhinein vielleicht übertrieben wirkt.

Wie viel Angst ist normal? Leichte Angst VS Angststörung
Vorübergehende Ängste und Sorgen gehören zum Leben. Fast jeder kennt Phasen der Unsicherheit: Zukunftsängste, Angst vor Zurückweisung oder Sorgen vor wichtigen Entscheidungen.
Ein gewisses Maß an Angst ist normal und kann sogar hilfreich sein. Sie macht uns vorsichtig, aufmerksam und hilft uns, Risiken besser einzuschätzen.
Problematisch wird Angst vor allem dann, wenn sie sehr stark ist, lange anhält oder dich im Alltag deutlich einschränkt. Wenn du beginnst, alltägliche Situationen zu vermeiden, dauerhaft angespannt bist oder das Gefühl hast, deine Angst nicht mehr gut regulieren zu können, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Eine erste Anlaufstelle kann dein Hausarzt oder deine Hausärztin sein. Dort kannst du besprechen, ob weitere Unterstützung, zum Beispiel durch Psychotherapie, hilfreich sein könnte.
Wenn du hingegen gelegentlich unter leichteren Ängsten leidest, können Selbsthilfestrategien ein guter erster Schritt sein, um besser mit ihnen umzugehen.
Angst erkennen: Typische Symptome
Angst kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen: sowohl körperlich, gedanklich als auch emotional.
Typische körperliche Anzeichen können sein:
- Herzklopfen oder Herzrasen
- Schwitzen
- Zittern
- innere Unruhe
- Benommenheit
- Schlafprobleme
- Übelkeit
- ein Engegefühl im Brust- oder Halsbereich
- das Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben
Das Belastende daran ist: Egal ob wir Angst vor Spinnen, vor Menschenmengen oder vor einer bestimmten Situation haben, der Körper kann ähnlich reagieren.
Entscheidend ist, wie häufig und wie intensiv diese Reaktionen auftreten. Wenn sie dich stark belasten oder deinen Alltag einschränken, solltest du sie ernst nehmen und dir Unterstützung holen.
Angst überwinden: Wann du dir Unterstützung holen solltest
Wenn du das Gefühl hast, die Kontrolle zu verlieren, deine Angst sehr stark wird oder du bestimmte Situationen immer mehr vermeidest, zögere nicht, dir Hilfe zu holen.
In Deutschland erreichst du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116 117. Dort bekommst du Unterstützung, wenn du nicht weißt, an wen du dich wenden sollst oder Hilfe bei der Terminvermittlung brauchst.
Wenn du dich akut in einer Krise befindest oder Angst hast, dir selbst etwas anzutun, solltest du sofort Hilfe holen. Zum Beispiel über den Notruf 112 oder eine psychiatrische Notaufnahme.
Professionelle Unterstützung kann dir helfen, deine Angst besser zu verstehen, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln und wieder mehr Sicherheit im Alltag zu finden.
Wie kann ich die Angst überwinden? 5 Tipps
Wenn du gelegentlich unter leichteren Ängsten leidest, können dir die folgenden fünf Tipps helfen, einen besseren Umgang mit deiner Angst zu finden.
Wichtig: Diese Tipps ersetzen keine Psychotherapie und keine ärztliche Behandlung. Wenn deine Angst stark ist, häufig wiederkehrt oder dich im Alltag einschränkt, solltest du dir professionelle Unterstützung holen.
1. Nimm deine Angst bewusst wahr
Der erste Schritt ist nicht, die Angst sofort loswerden zu wollen. Oft wird sie stärker, wenn wir sie wegdrücken oder gegen sie ankämpfen.
Versuche stattdessen, sie zunächst wahrzunehmen:
- Wovor habe ich gerade genau Angst?
- Was ist der auslösende Gedanke?
- Wo spüre ich die Angst im Körper?
- Was brauche ich in diesem Moment?
Diese Fragen können dir helfen, Abstand zu gewinnen. Du bist nicht deine Angst. Du nimmst sie wahr. Allein dieses bewusste Beobachten kann manchmal schon dazu beitragen, dass du wieder etwas ruhiger wirst.nnen.
2. Beruhige dein Nervensystem in akuten Momenten
In Momenten starker Angst geraten viele Menschen in Gedankenspiralen. Gleichzeitig reagiert der Körper mit Anspannung, Herzklopfen oder Unruhe. Dann kann es helfen, dich wieder stärker ins Hier und Jetzt zu holen.
Mögliche Strategien sind:
- langsam spazieren gehen oder dich sanft bewegen
- fünf Dinge im Raum benennen, die du sehen kannst
- deine Füße bewusst auf den Boden stellen
- einen kühlen Gegenstand in die Hand nehmen
- kaltes Wasser über deine Hände laufen lassen
- ruhig und natürlich atmen, ohne den Atem zu erzwingen
Nicht jede Übung passt zu jeder Person. Manche Menschen brauchen Bewegung, andere eher Ruhe, Erdung oder eine vertraute Umgebung.
Wichtig: Wenn dich eine Übung stärker aufwühlt, brich sie ab und wähle etwas Sanfteres.

3. Setze dich behutsam mit deiner Angst auseinander
Angst wird oft stärker, wenn wir alles vermeiden, was sie auslöst. Deshalb kann es hilfreich sein, dich deiner Angst schrittweise und behutsam anzunähern.
Wichtig ist dabei: Überfordere dich nicht. Es geht nicht darum, dich in Situationen hineinzuzwingen, die dich überfluten. Es geht darum, in kleinen Schritten neue Erfahrungen zu machen.
Beispiel: Spinnenangst
Wenn du Angst vor Spinnen hast, könntest du mit kleinen, kontrollierten Schritten beginnen:
- zunächst ein Bild einer Spinne ansehen
- später eine Dokumentation anschauen
- irgendwann eine Spinne hinter Glas beobachten
- erst viel später vielleicht eine kleine Spinne im Raum aushalten
Das Ziel ist nicht, plötzlich keine Angst mehr zu haben. Das Ziel ist, deinem Nervensystem nach und nach zu zeigen: Ich kann diese Situation aushalten und bleibe handlungsfähig.
Beispiel: Verlustangst
Wenn du starke Angst hast, verlassen zu werden, kann es helfen, diese Angst in ruhigen Momenten genauer anzuschauen.
Du kannst dich fragen:
- Welche Gedanken tauchen immer wieder auf?
- Was befürchte ich konkret?
- Was brauche ich in solchen Momenten wirklich?
- Welche alten Erfahrungen könnten damit verbunden sein?
Solche Übungen können intensiv sein. Wenn du merkst, dass dich die Gefühle überfordern, solltest du sie nicht allein bearbeiten. Eine psychotherapeutische Begleitung kann hier sehr hilfreich sein.
4. Gib der Angst eine neue Bewertung
Ein wichtiger Schritt im Umgang mit Angst ist die Neubewertung von Gedanken. In der Psychotherapie wird das häufig als »kognitive Umstrukturierung« bezeichnet. Dabei geht es darum, angstauslösende Gedanken zu erkennen und durch realistischere, hilfreichere Gedanken zu ergänzen.
Beispiel bei Spinnenangst
Statt:
»Ich muss hier sofort weg, sie ist gefährlich.«
könntest du üben zu denken:
»Die Spinne erschreckt mich, aber ich bin gerade nicht in akuter Gefahr.«
oder:
»Ich darf Angst haben und trotzdem ruhig bleiben.«
Beispiel bei Verlustangst
Statt:
»Ich würde das nicht überleben.«
könntest du üben zu denken:
»Eine Trennung würde sehr weh tun, aber ich könnte Unterstützung finden und Schritt für Schritt damit umgehen.«
oder:
»Ich darf im jetzigen Moment bleiben, statt mich in Zukunftsszenarien zu verlieren.«
Solche Gedanken verändern nicht alles sofort. Aber mit Wiederholung können sie helfen, innerlich mehr Abstand zu gewinnen und nicht automatisch jeder Angstgeschichte zu glauben.
5. Suche dir psychologische Unterstützung, wenn du sie brauchst
Manchmal reichen Selbsthilfestrategien allein nicht aus, und das ist völlig in Ordnung.
Wenn deine Angst dich im Alltag stark einschränkt, immer wiederkehrt oder du bestimmte Situationen vermeidest, kann professionelle Unterstützung sehr hilfreich sein.
Eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut kann dich dabei begleiten, deine Angst besser zu verstehen, neue Bewältigungsstrategien zu entwickeln und dich Schritt für Schritt sicherer zu fühlen.
Besonders die kognitive Verhaltenstherapie wird häufig bei Ängsten eingesetzt. Sie kann helfen, angstauslösende Gedanken und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern.
Hilfe anzunehmen ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Es ist ein mutiger Schritt, Verantwortung für dich und deine mentale Gesundheit zu übernehmen.
Hilft Ashwagandha bei stressbedingter Unruhe?
Neben psychologischen Strategien beschäftigen sich manche Menschen auch mit pflanzlicher Unterstützung. Besonders in Phasen, in denen Stress, innere Unruhe oder Anspannung sehr präsent sind.
Eine Pflanze, die in diesem Zusammenhang häufig genannt wird, ist Ashwagandha, auch Schlafbeere genannt. Ashwagandha wird traditionell im Ayurveda verwendet und in Studien im Zusammenhang mit Stress, Wohlbefinden und Schlaf untersucht.
Wichtig ist aber: Ashwagandha ist kein Wundermittel, kein Ersatz für Psychotherapie oder ärztliche Behandlung und nicht für jede Person geeignet. Jeder Körper reagiert anders.
Ashwagandha kann Nebenwirkungen haben und sollte unter anderem in folgenden Situationen nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden:
- in Schwangerschaft und Stillzeit,
- bei Lebererkrankungen,
- bei Schilddrüsenerkrankungen,
- bei Autoimmunerkrankungen,
- bei bestehenden psychischen Erkrankungen
- regelmäßiger Medikamenteneinnahme
Wenn du Ashwagandha ausprobieren möchtest, schau dir vorher in Ruhe die Inhaltsstoffe, Dosierung und Hinweise des Herstellers an.
Fazit: Angst verstehen und einen besseren Umgang finden
»Angst überwinden« bedeutet nicht, nie wieder Angst zu haben. Angst gehört zum Leben und kann uns in bestimmten Situationen schützen. Entscheidend ist, dass du lernst, besser mit ihr umzugehen und handlungsfähig zu bleiben.
Diese fünf Schritte können dich dabei unterstützen:
- Nimm deine Angst wahr, statt sie wegzudrücken.
- Beruhige dein Nervensystem in akuten Momenten.
- Setze dich behutsam mit deiner Angst auseinander.
- Übe realistischere und stärkende Gedanken.
- Suche dir professionelle Unterstützung, wenn deine Angst dich stark belastet.
Denke daran: Du musst diesen Weg nicht allein gehen. Wenn deine Angst dauerhaft belastend ist oder deinen Alltag einschränkt, hol dir Unterstützung. Zum Beispiel bei einer Ärztin, einem Therapeuten oder einer Beratungsstelle.
FAQ – Häufige Fragen zum Thema Angst überwinden
Welche Arten von Angststörungen gibt es?
Zu den häufigeren Angststörungen zählen unter anderem die generalisierte Angststörung, Panikstörung, soziale Angststörung, Agoraphobie und spezifische Phobien, zum Beispiel vor Spinnen, Höhe oder engen Räumen. Jede Form kann sich unterschiedlich zeigen und sollte individuell betrachtet werden.
Wie lange dauert es, Angst zu überwinden?
Das ist von Person zu Person unterschiedlich. Es hängt unter anderem davon ab, wie stark die Angst ausgeprägt ist, wie lange sie schon besteht und ob sie deinen Alltag einschränkt. Leichtere Ängste können sich durch Selbstreflexion, Übung und passende Strategien verbessern. Bei stärkeren oder länger anhaltenden Ängsten kann eine professionelle Begleitung sinnvoll sein.
Hilft Meditation bei Angstzuständen?
Meditation und Achtsamkeitsübungen können manchen Menschen helfen, ruhiger zu werden und belastende Gedanken bewusster wahrzunehmen. Gleichzeitig passt Meditation nicht zu jeder Person. Wenn dich Stille oder der Fokus nach innen eher unruhiger macht, können sanfte Bewegung, Erdung oder professionelle Unterstützung hilfreicher sein.
Kann Angst körperliche Krankheiten auslösen?
Angst kann sich deutlich körperlich zeigen, etwa durch Herzrasen, Engegefühl, Zittern, Übelkeit, Schwindel oder Anspannung. Wenn körperliche Symptome neu, stark oder beunruhigend sind, solltest du sie ärztlich abklären lassen.
Sollte ich bei starker Angst Medikamente nehmen?
Ob Medikamente sinnvoll sind, hängt immer von deiner individuellen Situation ab. Bei stärkeren Angststörungen können bestimmte Medikamente unterstützend eingesetzt werden, häufig auch begleitend zu einer Psychotherapie. Diese Entscheidung solltest du immer gemeinsam mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer psychiatrischen Fachperson treffen.
Über die Autorin
Wissenschaftliche Quellen
- Mikulska P, Malinowska M, Ignacyk M, et al. Ashwagandha (Withania somnifera)-Current Research on the Health-Promoting Activities: A Narrative Review. Pharmaceutics. 2023;15(4):1057. Published 2023 Mar 24. doi:10.3390/pharmaceutics15041057
- Lopresti AL, Smith SJ, Malvi H, Kodgule R. An investigation into the stress-relieving and pharmacological actions of an ashwagandha (Withania somnifera) extract: A randomized, double-blind, placebo-controlled study. Medicine (Baltimore). 2019;98(37):e17186. doi:10.1097/MD.0000000000017186
- Deshpande A, Irani N, Balkrishnan R, Benny IR. A randomized, double blind, placebo controlled study to evaluate the effects of ashwagandha (Withania somnifera) extract on sleep quality in healthy adults. Sleep Med. 2020;72:28-36. doi:10.1016/j.sleep.2020.03.012
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